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Mittwoch, 10. April 2019

Glücklich sein

Vortrag von Kera Deiss – Ein persönlicher Appell zur kritischen Reflexion


Große Freiheit?
Ich erlebe einen lebendigen Vortrag, durchaus authentisch. Warum mir eine umfängliche Aufklärung so wichtig ist und ich den Vortrag nicht unkommentiert stehen lassen kann. Warum ich diesen persönlichen Appell zur kritischen Betrachtung des Gezeigten und Gehörten anschließe. Bitte weiter lesen! Bitte weiter sagen!


 „Glücklich ist das neue Schön, Hungern war gestern. Ein (Ex-)Model erzählt.“ am 2. April 2019 im Hospitalhof Stuttgart

Sonntag, 27. Mai 2018

Total verzerrte Wahrnehmung

Weglaufen geht nicht - Auseinandersetzung muss sein.


Im Spiegel sehe ich eine Frau mit einem schönen, schmalen Gesicht, mit kurzen dunklen Haaren, die von grauen Reflexen durchzogen sind. Eine etwas krumme Nase hat sie mit einem kleinen Piercing. Und diese Augen - so dunkel und intensiv. Bin ich das? Ja, das bin ich. Nur der Teil abwärts vom Hals schien mir immer total falsch, den wollte ich nicht. Das ändert sich langsam. 

Der Spiegel offenbart meine Körperschemastörung.

Den Blick in den Spiegel habe ich immer vermieden; in meinem Haus gibt es erst seit meinem 1. Klinikaufenthalt vor 3 Jahren eine Ganzkörperansicht. Trotzdem habe ich unzählige Stunden schon als Mädchen und junge Frau vor  Spiegeln oder Fensterscheiben verbracht: mit puberärem oder durchtrainiertem
Traumhaft: Barbieland.
Bauch, mit wenig und später
mit schwangerem Bauch, auch mit stolz-weil-dürr-Bauch. Dann in magerem Zustand ganz ohne Bauch oder jetzt mit weichem Speck-Bauch. Nie hat der Spiegel gezeigt, was ich so dringend sehen wollte: Einen perfekten, dünnen, wohlgeformten, strahlend schönen und makellosen Körper. Weiblich, sexy, jedoch bitte ohne Brust und Hüfte und Schenkel, ohne jede Delle oder Welle. Wie sehr sich das gegenseitig ausschließt... Und egal, wie dünn ich war, ich war nie dünn genug, sondern im Spiegel immer fett. Willkommen im Denken und Fühlen meiner verzerrten Selbstwahrnehmung!

Freitag, 30. März 2018

Auf dem (Frauenkreuz)Weg

Mitgestalten und Abladen


Wie mich Zufälle und Fügungen den Evangelischen Frauen in Württemberg nahe bringen und worin es (zunächst) mündet.

Abschied.

Die letzten beiden Wochen waren in meinen Gedanken und Gefühlen völlig überdeckt vom Tod meiner Freundin Kirsten. Dieser Verlust erscheint so ungerecht und fürchterlich, dass mir die Worte fehlen. Wie kann mein Herz nur derart unvorbereitet sein, obwohl der Verstand im Vorfeld Zeit genug fürs Begreifen hatte? Alles in mir wehrt sich gegen das Verstehen!

Entwicklung.

Letzten Sommer hatte ich ein Seminar besucht, dort Zeit zum inspirierenden Gespräch zwischen den Schulungsblöcken gefunden, Ideen gesponnen: Ich wollte mitmachen beim ökumenischen Frauenkreuzweg in Stuttgart. Ich war auf einen Zug aufgesprungen, der nun für mich viel zu schnell fuhr. Auf einmal werde ich gebeten zu liefern, muss mich nackig machen vor der Öffentlichkeit, bekomme Angst vor meinem eigenen (Über-)Mut.

Auf dem Frauenkreuzweg, auf dem Weg.

Und jetzt ist es wieder soweit, es wird Ostern. Völlig verdrängt, passt das Fest plötzlich zu mir und zu meiner Stimmung. Denn zunächst ist heute Karfreitag. Ich begebe mich also auf meinen ersten Frauenkreuzweg. Jesus ist am Kreuz gestorben, auch für mich. Auch für mich? Gar nicht so sattelfest im Glauben, habe ich viele Fragen. Ich fühle mich getragen von den Frauen und Männern um mich herum, von der Musik, so dass ich mich trauen kann, vorzutragen, was ich zu sagen habe. 

Hinterher.

Ich komme nach Hause, brauche zuvor den Cappuccino im Café und die Fahrt in der U-Bahn zum Sammeln und Nachdenken. Zwei Stunden zuhörend und schweigend Unterwegssein durch die Stadt mit Ziel und Abschluss in der Hospitalkirche hinterlassen Eindruck. Ich fühle mich sortierter, ruhiger. Ich glaube, ich habe eine ganze Menge Ballast in der Hospitalkirche gelassen. Mir kommen die Tränen, so Vieles ist abzuladen. Es ist nicht alles gut. Doch es wird Ostern, auch für mich.

Mein Vortragstext zum Nachlesen: Station 3, Essstörungen.

Ort: Marktplatz/Ecke Schulstraße

„Mama, toll, Du hast wieder Nutella gekauft!!“

Dienstag, 21. November 2017

Im Dialog: Selbstauskunft Kathrin

Wir haben etwas zu sagen!

Während meines letzten Aufenthaltes in der Klinik habe ich auf Station M3b7 wieder wundervolle Frauen getroffen. Einige von ihnen aus dem Esskonzept kommen hier zu Wort. Ich versuche, die Fragen in Form einer Selbstauskunft zu beantworten. Und merke, das ist gar nicht so einfach...

Selbstauskunft.


Kathrin, 43 Jahre alt, zum 3. Mal auf Station (jetzt für 4 Wochen), Bulimie, Binge-Eating, Depression, Angststörung

Sonntag, 17. September 2017

Impressionen aus Frankfurt: Erfahrungsbericht

Starker Auftritt auf der IAA

 

Wenn 100.000 Menschen zusammenkommen, bin ich normalerweise nicht dabei.

Menschen zählen
Mit meiner Familie war ich für ein langes Wochenende in Frankfurt am Main auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA). Schon vor zwei Jahren bestaunten wir dort Neues und ganz Altes und probierten Vieles aus; ich war 2015 aber nur dabei, weil ich Angst hatte, alleine zuhause zu bleiben. Im Rückblick muss ich feststellen, dass ich mich damals dort ganz anders bewegt habe als jetzt: Vorsichtig, stets in der Nähe zum Ausgang, am Rand der Menschenmenge, immer in Sorge vor einer Panik-Attacke, in Gedanken beim nächsten vernünftigen Essen. Das hemmt natürlich ganz gewaltig!

Dieses Mal ist alles ganz anders.

Schön retro
Die Freude meiner Kinder und meines Mannes war so ansteckend! Und ich ließ mich anstecken. Ich konnte nach oben und nach unten schauen, ohne schwindelig zu werden. Ich konnte mich schieben oder ziehen lassen und ein Stehenbleiben durchsetzen, wenn ich das wollte. Kein Gedanke an all' das, was zuhause liegen bleibt. Sondern die Schönheit des Moments war wichtig. Das Gemeinsame mit meiner Familie. Manchmal überkam mich der Schreck vor meinem eigenen Mut, ich zuckte kurz und lauerte auf die Panik. Aber die blieb aus. Bloß meine Füße waren irgendwann platt. Mir ging es echt gut!

Aber was ist schon normal bei mir?

Weisheit in Frankfurt
Vielleicht doch mehr, als ich mir selbst zugestehe. Wenn ich auf mein Wochenende schaue, habe ich vermutlich total normal gegessen, zumindest ganz ähnlich wie meine Söhne. Ich habe meine Standards bzgl. der Mengen unkompliziert eingehalten, durchaus etwas genascht und auch ein Glas Wein getrunken. Ich habe unbeschwert auf den Hunger gewartet und meinem Appetit nachgegeben. Ich war sogar im Äppelwoikeller zum deftigen Abendessen. Aber: Ganz ohne schlechtes Gewissen, weil ich einfach aufhören konnte. Es geht also!

Samstag, 26. August 2017

Zusammenbruch

Mein Zusammenbruch - näherte sich schleichend, kam dann explosiv und allumfassend

Meine lange Geschichte

 

Wo bin ich gestartet? 

Vor einigen Jahren rotierte ich in verantwortungsvoller Position im Beruf, versorgte viele kleine eigene und befreundete Kinder, meinen Ehemann, dazu Haus, Handwerker, Auto sowie die erweiterte Familie. Alles lief gut, klappte bestens. Alle waren zufrieden. 
Die Bulimie begleitete mich schon seit meiner Jugend, stets in Phasen mit wechselnder Intensität. Und stets verborgen vor meinem Umfeld.

Erste Alarmzeichen 

Mein Zusammenbruch: Schokolade aus dem 
Bauch und Steine in den Schuh.
Irgendwann in diesen Monaten verging mir der Appetit, ich hörte einfach auf zu essen. Ich kam ohne Mittagspause aus, musste nicht mehr erbrechen, sehr angenehm. Für Frühstück und Abendessen war ich viel zu müde, auch das ließ ich aus. Mein Umfeld belog ich hinsichtlich bereits erfolgter Mahlzeiten. So wurde ich körperlich immer weniger, eine tolle und sehr erfolgreiche Diät. Zusätzlich betrieb ich nicht täglich, jedoch mindestens 4x pro Woche Ausdauersport.

Allerdings: Meine Nerven lagen blank, alles und jedes reizte mich, ich konnte meine Kinder sehen, aber nicht mehr erkennen, war ihnen überhaupt nicht mehr zugewandt. Ich konnte nicht mehr mit ihnen lachen, mich nicht mehr mit und an ihnen freuen. Ich schlief nicht mehr, die Gedanken kreisten unentwegt: Darum, was ich (wieder) nicht erledigt hatte, wie ich den nächsten Tag bloß schaffen sollte. Ich konnte mich auf keinen Text mehr konzentrieren, nicht mehr zuhören. Ich zog mich vollständig zurück. Dass das nicht gut ist, habe ich irgendwann kapiert.

Eine Entscheidung

Meine Kollegen sorgten und bemühten sich um mich. Ich liebte meine Arbeit. Trotzdem zog ich die Bremse: Ich kündigte und hörte auf zu arbeiten. Das war 2013. Es fiel mir unendlich schwer, war wirtschaftlich (mein Mann verdient unser Familiengeld) und persönlich (ich war wieder präsent) aber die richtige Entscheidung. Die Kinder kamen nach der Schule nach Hause, das Familienleben entspannte sich deutlich. Aha, ich erkannte: Die Verantwortung liegt also gefühlt alleine bei mir. Die Kombi Beruf und Familie lief bei mir nicht, diesbezüglich hatte ich ziemlich versagt. Das nagt auch heute noch an mir, für den Moment schien alles besser zu werden.


Nix geht mehr 

So verstrich ein Jahr, langweilig war mir nie. Ich stresste mich mit allem, auch mit noch mehr Sport. Perfektionierte meinen Haushalt, und wurde doch nicht fertig. Dann kam der Tinnitus. Zusätzlich erlitt ich Schweißausbrüche mit Herzrasen, Doppeltsehen und Übelkeit in der U-Bahn, beim Autofahren, in der Umkleidekabine beim Kaufhof, in meinem geliebten Schwimmbad beim Bahnenziehen. Die ärztliche Abklärung ergab: Gesund. Fazit: Panikstörung. Depression. Ruhe hilft, sagte mein Doktor. Aber ich konnte gar nicht mehr raus! Eine Katastrophe und mit aktiven Kindern nicht kompatibel. Meine gesamte Energie musste ich darauf verwenden, Ausreden zu erfinden, um mich bloß nicht aus meinen bekannten vier Wänden heraus wagen zu müssen. Ich war wieder voll drin im Fressen und Kotzen. Sonst ging Ende 2014 nix mehr...


Der Stoß von außen

Der Tinnitus raubte mir den letzten Nerv, ich schlief nun überhaupt nicht mehr. Und suchte Hilfe beim HNO. Erstmals bekannte ich mich zu meiner Essstörung - und stieß anstatt auf entsetzte Abwehr auf entsetztes Verständnis und den spürbaren Wunsch, zu helfen. Ich ließ mich auf Akupunktur ein: Mehrere Sitzungen verbrachte ich in seiner Praxis. Immer fiel ich sofort in einen langen, tiefen Schlaf. 

Einmal aber wachte ich nicht erholt, sondern völlig verzweifelt auf, weinte das ganze Kopfkissen nass. Mir fehlte die Kraft zum Aufstehen. Ich wusste meinen Namen nicht mehr, konnte einfache Fragen nicht mehr beantworten. Doch ich gewährte Einblick in mein Innerstes und beschrieb meine suizidalen Gedanken. Der Doktor wahrte Abstand, stand mir bei und hörte zu, fragte nach, bohrte sogar. Dann setzte er einen rettenden Hilfsprozess in Gang: Seine Helferin blieb bei mir (heute sage ich: sie passte auf mich auf), während er telefonierte. Er wandte sich an die Psychiatrische Klinik, sprach mit dem diensthabenden Arzt, er schrieb die Überweisung, er holte meinen Mann für die Versorgung der Kinder aus dem Büro nach Hause. Das Praxisteam setzte mich ins Taxi. 

Und ich stieg vor der Klinik aus, wenn auch voller Angst und nicht ganz freiwillig, und suchte meinen Weg zum Zentrum für Seelische Gesundheit. Der Arzt erwartete mich bereits, war grob informiert. Trotzdem musste ich natürlich die ganze Geschichte erzählen - es wurde ein weiteres erstes Mal, meine persönliche Premiere, eine erste Übung für viele weitere Berichte und der Startschuss für meinen aktiven Weg durch den Behandlungsdschungel.


Kein Allheilmittel, aber ein Anfang 

Schon damals war mir klar, dass mein Elend sich nicht einfach in Luft auflöst, sobald ich einen Fuß in eine Klinik setze. Aber plötzlich spürte ich Hoffnung, dass mir doch noch geholfen werden kann.

Rückblickend muss ich feststellen: Ohne den Stoß von außen, ohne diese tiefste Verzweiflung, ohne die Einweisung in die Klinik durch den HNO, wäre ich nicht aus meinem Loch heraus gekommen. Vielleicht wäre ich wirklich zu einer Gefahr für mich selbst geworden. Weit entfernt davon war ich sicher nicht.

Ich stellte mich der Aufgabe, das Ausmaß meiner Erkrankung(en) zu begreifen, therapeutische Angebote zu finden und anzunehmen, meine Familie zu organisieren, mein Umfeld in gewissem Rahmen ins Vertrauen zu ziehen. Ich stellte und stelle mich den Höhen und Tiefen von Therapien, den Symptomen und den Rückfällen. Ich nahm und nehme lange Abwesenheiten von zuhause bedingt durch weitere Klinikaufenthalte auf mich.


Was will ich damit ausdrücken?

Ich möchte eine Version aufzeigen, wie ein Zusammenbruch aussehen könnte. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere darin wieder und kann früher als ich um Hilfe bitten. Bevor er oder sie auch so tief fällt.
Und: Ich will Mut machen! Heute, drei Jahre später, bin ich wieder präsent, kann lachen und meinen Alltag schaffen, fahre wieder Auto und Bahn, bin ins Berufsleben zurück gekehrt, gehe einkaufen und mit Freunden zum Grillfest, bin befreit von vielen meiner Zwänge. 
Zwar ist der Weg beileibe kein Spaziergang, sondern oft beschissen schwer und wahnsinnig traurig, total zehrend und demotivierend, aber es lohnt sich unbedingt. Dranbleiben!

Freitag, 11. August 2017

Worum geht's hier überhaupt?

Um den langen Weg, mich vom Fressen und Kotzen zu befreien. Einladung zum Mitgehen. Für Betroffene, für Begleiter.

Ein Blick zurück: Ich bin innerlich oft hoffnungslos zerrissen, schwerst depressiv, nahe am Suizid, panisch, zwanghaft und niemals frei. Die Gedanken kreisen unaufhörlich in unendlichen Spiralen, der Körper schreit vor Schmerzen und nach Aufmerksamkeit, ich kann darauf nicht anders reagieren als mit meiner Symptomatik. Ich werde krank an Körper und Seele und stürze immer tiefer. Gleichzeitig keimt vom Annehmen erster Hilfe die Hoffnung auf ein anderes, neues Leben. Hoffnung wird zu einer Perspektive. Ich kann meinen Körper nicht annehmen, ich hasse ihn, er ist niemals richtig und in Ordnung. Darum gehört zum neuen Leben auch, meinen eigenen, sich durch Gewichtszunahme, Schwangerschaft und Alter verändernden Körper Stück für Stück zu mögen... Mit seinen Formen und Rundungen, in seiner weiblichen Schönheit...
Und da stehe ich nun. Wieder im Leben, voller Staunen. Das soll eine Perspektive für jede Betroffene, jeden Betroffenen und ihre Begleiter sein.

Zeit für eine Pause

Umbrüche. Abschiede. Ich ziehe mich zurück, der Blog macht Pause. Gründe dafür gibt es viele, der Wichtigste: Mit dem Essen komme ich zurech...