Donnerstag, 2. August 2018

Status Quo

Warten auf die Depression 


Warum ich in ambivalenter Habachtstellung bin und mir eine Depression herbeisehne.  

Status Quo 

Ich komme zurecht, gehe gerne zur Arbeit und freue mich dort über die Anerkennung und die vielfältigen Aufgaben, die inzwischen auf meinen Schreibtisch gelangen. Zurück zuhause, sorge ich für Mittagessen und kurze Rücksprache mit den Söhnen, die gerade da sind. Diese widmen sich anschließend ihren eigenen Dingen und organisieren sich selbst. Schließlich sind Ferien. Und ich? Ich gehe ins Bett, schlafe eine Weile – so ungefähr zwei Stunden – und werde dann nur unter Mühen wieder wach, von Tatkraft keine Spur. Die alltäglichen Hausarbeiten schaffe ich kaum, sie gehen mir nicht mehr leicht von der Hand, sondern werden zur Belastung. Vieles lasse ich unerledigt, jetzt bin ich echt faul. Völlig energielos. Wichtiges schiebe ich stetig vor mir her. Mein wunderbarer Therapeut sorgt sich wegen meiner Stagnation. Ich halte mich für mutlos, er nennt es willenlos.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Back to Reality

Grauen. Haft.

Neulich bei der Schneiderin.


Warum mich ein kleiner Dialog aus der Fassung bringt und nachhaltig niederdrückt.

Die Situation. 

Am Samstag brachte ich drei Hosen zur Änderungsschneiderei. Mein jüngster Sohn begleitete mich. Nachdem alle Hosen mit den jeweils richtigen Schuhen anprobiert und zum Kürzen markiert waren, füllte die Schneiderin den Abholschein aus - und musterte mich erneut eingehend. Ein Dialog ergab sich:

Sie: "Haben Sie zugenommen?"
Ich: "Ja."
Sie: "Wieviel haben Sie zugenommen? Was ist passiert?"
Ich: "Ähm."
Sie: "Sie waren doch schon öfter bei mir. Aber, nein, sowas..."

Wir nehmen unsere Fahrradhelme und gehen, also, ich flüchte. Kaum vor der Tür, stellt mir mein Sohn folgende Frage:
Malte: "Warum fragt die dich, ob du zugnommen hast?"
Ich: "Naja, ein wenig stimmt das ja."
Malte: "Du machst drei mal in der Woche Sport. Hör' auf zu labern. Das sind Muskeln."

Mit seiner Wortwahl bin ich nicht ganz einverstanden, doch in der Sache ist Malte in diesem Moment das Beste, was mir passieren kann. Er ist sich der Hintergründe nicht bewusst; er sieht mich nur so, wie ich bin, und versteht das alles eigentlich nicht, weil er gar kein Problem mit meinem Aussehen hat. Aber, er spürt meine Betroffenheit und erkennt, dass für mich eine Grenze überschritten wurde. So eine triviale, unwichtige Situation wiegt für mich schwer. Malte hilft mir mit seiner offenen Ernsthaftigkeit durch den Moment.

Meine Reaktion. 

Ich fühle mich eh' beschissen mit meiner Figur. Für mich stellt sich die folgende Frage: Wie gehe ich jetzt damit um, dass mir von Außen so geradeheraus bestätigt wird, was ich weiß und was mein größter Horror ist? Ich habe zugenommen. Und zwar so viel, dass es auffällt. Nicht nur mir, sondern fremden Personen, quasi der ganzen Welt. Zunehmen ist scheiße, bedeutet Versagen. So denke ich und das Außen auch. Ich fühle mich ertappt, darum trifft mich diese unbedachte Aussage wie ein Hammer mitten ins Herz. Schließlich weiß ich genau, wo die Kilos herkommen: Zu viel Alkohol, zu viel Kuchen und Schokolade, zu viel Brot mit Butter und Käse. Ohne Kotzen bleibt alles im Körper und wandert als Fettrolle auf den Bauch. Total klar. Wenn es doch bloß einfacher wäre, dagegen anzugehen.

Sofort denke ich über Lösungsmöglichkeiten nach:
  1. Reaktion: Nahrungsaufnahme einstellen.
    Hm. Schaffe ich sowieso nicht.
  2. Reaktion: Kotzen.
    Blöde Idee. Schließlich habe ich mühsam mit dem Erbrechen aufgehört bzw. bin noch dabei. Aber es wäre so einfach, wieder anzufangen. Raus, raus, raus mit dem schlechten Essen. Allerdings: Dauerhaft wieder Fressen und Kotzen? Keine Option. Hallo, Logik, Verstand, wo seid ihr?
  3. Reaktion: Totale Verzweiflung.
    Wie schon am Mittwoch beim Sport, als der schwere Körper dem schnellen Kopf nicht hinterher kam und schnaufend fast zusammenbrach. Aber nur fast.

Und jetzt? 

Heute kann ich die Hosen abholen, doch ich war noch nicht dort. Ich traue mich nicht hinein. Ich spüre, dass die Tränen wieder näher unter der Oberfläche sitzen. Um mich herum gestählte Mama-Körper und ICH schaffe es nicht mal, irgendein Gewicht zu halten...

Schade, eigentlich wollte ich über die Aussage schreiben: "Puh, ich bin noch satt. Ich kann noch nicht wieder was essen." Eigentlich wollte ich stolz sein auf mich. Nach dieser Begegnung mit der Realität fällt mir das wieder schwer.

Dennoch: Es ist früher Abend, später gehe ich zum Sport und will versuchen, bei mir zu bleiben. Ich habe ausgewogen gegessen, hoffe auf ausreichend gesunde Energie für den langen Lauf durch den Wald. Ich will mich innerlich stark machen und dran bleiben. Am Sport und am Essenlernen. Ohne Kotzen.

Ergänzung: Donnerstag, 12.07.2018 
Über das Zunehmen habe ich schon einmal im gleichnamigen Post geschrieben. Ich erschrecke selbst, wieviel Raum dieses Thema einnimmt. Für mich ist es (leider) nach wie vor Quelle des Unglücks, ganz existentiell. 

Ergänzung: Donnerstag, 11.10.2018
Im Zwischenruf erzähle ich von einer ähnlich grenzüberschreitenden Situation, über die ich mir im Nachgang noch viele Gedanken gemacht habe.

Sonntag, 17. Juni 2018

Nachtrag

Zum Zwanghaften. Eine Ergänzung.


Als ich meinen letzten Post "Ungeschönte Wahrheit. Ohne E wie Erbrechen." noch einmal lese, kommt mir ein Gedanke, den ich ergänzen möchte.

Einmal, vor langer Zeit, versuchte ich einem Menschen aus meinem nächsten Umfeld meine Zwänge zu erklären. Die Antwort: "Dann disziplinier' Dich halt!" Das fällt mir heute beim Lesen ein. Die Aussage hat damals eine Tür zugeknallt, die ich nun aufbrechen muss, da ich mich meinem Außen öffne. Inzwischen weiß ich, dass viele Menschen so denken. 

Ich möchte dann erwidern: Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch und meist sehr hart und unnachgiebig mit mir selbst. Mir selbst Fehler oder Unschärfen, Unsicherheiten zuzugestehen oder gar zu verzeihen, lerne ich erst. Mein Leben verlief geplant und strukturiert, ich bin selten ausgebrochen, sondern eine extrem disziplinierte Tochter, Schülerin, Frau, Studentin, Ehefrau, Mutter, Arbeitnehmerin mit hohen Ansprüchen und Standards bezogen auf meine eigene Leistung und Funktion.

Vielen betroffen Mädchen und Frauen, Jungen und Männern durfte ich auf meinem Weg schon begegnen, die ähnlich gestrickt sind wie ich: Der Hang zur Perfektion eint uns, von Disziplinlosigkeit sind wir weit entfernt, halte ich fest. Hier möchte ich pauschalieren.

Allerdings: Bei diesem einen Thema, dem Essen, hakt es. Da werden wir maßlos, werden von unseren Zwängen überrollt, wir können nicht anders. Keine Floskel, das ist so. Wir brechen aus in unterschiedliche Formen der Essstörung. Aber das ist keine fehlende Disziplin, sondern Machtlosigkeit. Letztere ist ein wesentliches Merkmal von Zwängen. Diese wiederum sind ein Merkmal von Suchterkrankungen, einfach und unwissenschaftlich gesprochen. 

Ihr im Außen, Ihr dürft Euch das  so vorstellen: Wir fahren im Auto mit schlechten Bremsen, die bedingt duch einen Wackelkontakt unzuverlässig und unvorhergesehen ausfallen oder funktionieren. Wir ahnen, dass ein Defekt vorhanden ist. Doch wir kümmern uns nicht, schließlich ist es bisher immer gut ausgegangen. Wir haben Angst, näher hinzuschauen, große Angst. Vielleicht müssen wir uns mit Werkstätten herum schlagen oder auf das Auto eine Weile verzichten. Undenkbar. Also setzen wir uns eben weiter der Gefahr aus.

Es ist unfassbar schwer, Zwänge zu durchbrechen und abzulegen. Das bedarf jahrelanger Auseinandersetzung, Übung, guter Therapeuten und großer Ausdauer. Und Disziplin. Die 'alte' Aussage von damals schmerzt noch immer, doch ich begreife heute auch, wie schwer es für das Außen ist, mich zu verstehen. Inzwischen kann ich bei mir eine Stärke und Kraft entdecken, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Darum bin ich schon so weit gekommen und habe einen großen Teil meines persönlichen Tales durchschritten. Das fühlt sich gut an. An alle: Nur Mut!

Donnerstag, 14. Juni 2018

Fehltritt oder Rückfall: Ungeschönte...

...Wahrheit. Ohne E wie Erbrechen.


Für alle die, die nicht glauben wollen, dass es unmöglich sein kann, mit dem Essenverschlingen und Immerweiteressen aufzuhören. Für alle, die diese Fressanfälle so oder ähnlich auch kennen. Für alle die, die jeden Tag wieder aufs Neue versuchen, es besser zu machen. Nur Mut!

Fakten. Fakten. Fakten.

Wochenende, ein Sonntag. Unsere Mahlzeitenstruktur leidet an diesen freien Tagen, das Mittagessen wird i.d.R. auf den frühen Abend verschoben. So auch
Fresszettel.
dieses Mal. Der Kühlschrank ist leer, das dunkle Brot verschimmelt. Außerdem will bei der Hitze jeder nur herum liegen, keiner kümmert sich ums Essen - ich auch nicht, ätsch. Nur, für mich hat es sofort Konsequenzen, wenn ich meine Struktur verlasse. Ich weiß es und halte mich doch nicht daran... Im Ergebnis sieht es so aus, dass ich den ganzen Tag, nach einem wenig nahrhaften Frühstück, ums Essen herum geschlichen bin: Richtig gesucht habe ich, an der Tür zum Süßigkeitenschrank und zum Kühlschrank gekratzt. Beschämt habe ich mir von außen dabei zugesehen. Doch der Gedanke an irgendetwas Süßes, Fettes verlor sich einfach nicht! Auf Bewegung hatte ich keine Lust, so unterbrach ich bloß ständig mein Buch für die Futtersuche und das Futterfinden. Herausgekommen ist hinterher neben einem vollen Bauch ein hingeschmierter Fresszettel, der das Essenverschlingen und Nichtaufhörenkönnen dokumentiert. Und ein Buch, von dessen Inhalt ich nicht viel erinnere. Ich habe den Zettel weggeworfen und nur fürs Foto wieder hervor gekramt. Blanke Scham verhindert die Analyse, zunächst.

Montag, 4. Juni 2018

Inspiration

... aus dem Kleiderschrank ...


Ohne Worte. Mal eben so. Zufällig entdeckt. Ein Lichtstrahl. Richtungweisend?

So einfach ist es leider nicht. Aber eine nette Idee. Vielleicht lässt es sich damit ein wenig leichter weiter laufen ...

Sonntag, 27. Mai 2018

Total verzerrte Wahrnehmung

Weglaufen geht nicht - Auseinandersetzung muss sein.


Im Spiegel sehe ich eine Frau mit einem schönen, schmalen Gesicht, mit kurzen dunklen Haaren, die von grauen Reflexen durchzogen sind. Eine etwas krumme Nase hat sie mit einem kleinen Piercing. Und diese Augen - so dunkel und intensiv. Bin ich das? Ja, das bin ich. Nur der Teil abwärts vom Hals schien mir immer total falsch, den wollte ich nicht. Das ändert sich langsam. 

Der Spiegel offenbart meine Körperschemastörung.

Den Blick in den Spiegel habe ich immer vermieden; in meinem Haus gibt es erst seit meinem 1. Klinikaufenthalt vor 3 Jahren eine Ganzkörperansicht. Trotzdem habe ich unzählige Stunden schon als Mädchen und junge Frau vor  Spiegeln oder Fensterscheiben verbracht: mit puberärem oder durchtrainiertem
Traumhaft: Barbieland.
Bauch, mit wenig und später
mit schwangerem Bauch, auch mit stolz-weil-dürr-Bauch. Dann in magerem Zustand ganz ohne Bauch oder jetzt mit weichem Speck-Bauch. Nie hat der Spiegel gezeigt, was ich so dringend sehen wollte: Einen perfekten, dünnen, wohlgeformten, strahlend schönen und makellosen Körper. Weiblich, sexy, jedoch bitte ohne Brust und Hüfte und Schenkel, ohne jede Delle oder Welle. Wie sehr sich das gegenseitig ausschließt... Und egal, wie dünn ich war, ich war nie dünn genug, sondern im Spiegel immer fett. Willkommen im Denken und Fühlen meiner verzerrten Selbstwahrnehmung!

Mittwoch, 23. Mai 2018

Schlüsselsätze: Über das Zunehmen

Es geht doch um den Menschen dahinter!


Wie Perlen auf einer Schnur.
Gerade fällt mir auf, dass diese Aussage eine Perle ist. Eine Perle, die mir - verborgen in einer schwierigen Therapiestunde - begegnete und die mir im Gedächtnis blieb. Eine Perle, die ich jetzt erst aufgefädelt habe. Darum nehme ich den Ausruf "Es geht doch um den Menschen dahinter!" nachträglich in die Liste meiner persönlichen Schlüsselsätze auf. Im Post "Total verzerrte Wahrnehmung" komme ich darauf zurück: "Ich bin nicht nur mein Aussehen, mein Körper. Ich bin viel mehr: Nämlich lustig, verlässlich, liebevoll, ernsthaft, nachdenklich, schwach, stark, kreativ und belesen, energiegeladen, erfahren, manchmal langsam im Denken, manchmal schnell, ich bin empathisch, ich werde geliebt und ich liebe, oft bin ich klug und manchmal blöd, ich bin unternehmungsfreudig, eine fürsorgliche Freundin und eine Netzwerkerin und bestimmt noch Vieles mehr." Vielleicht finde ich noch weitere dieser Perlen. Sie helfen mir durch schwere, unsichere Zeiten.

Zurück zum übergeordneten Blog-Beitrag

Letzte Aktualisierung: Sonntag, 27.05.2018

Zeit für eine Pause

Umbrüche. Abschiede. Ich ziehe mich zurück, der Blog macht Pause. Gründe dafür gibt es viele, der Wichtigste: Mit dem Essen komme ich zurech...